Bidirektionales Laden im Gewerbe: Von Hürden zu Lösungen
Wo steht bidirektionales Laden im Gewerbe heute?
Die technische Machbarkeit des uni- und bidirektionalen Ladens ist bewiesen und das auch im gewerblichen Umfeld. Im Projekt Bid-E-V wurden Fahrzeuge, Ladeinfrastruktur, Energiemanagement und Kommunikationsstandards wie ISO 15118-20 und OCPP 2.1 erfolgreich in einer gemeinsamen Systemarchitektur zusammengeführt und in einem realen Feldtest an einem Gewerbestandort erprobt. Die Ergebnisse zeigen, dass bidirektionales Laden grundsätzlich technisch umsetzbar ist und zusätzliche Flexibilität für Standort und Energiesystem bereitstellen kann.
Eine Skalierung ist damit jedoch noch kein Selbstläufer. Die größten Hemmnisse liegen derzeit nicht in der grundsätzlichen technischen Umsetzbarkeit, sondern in Markt, Regulierung und Standardisierung. Offene Fragen bestehen insbesondere bei Mess- und Abrechnungskonzepten, bei der bilanziellen Behandlung von Energiemengen, bei Vergütungsmechanismen für Flexibilität sowie bei der regulatorischen Behandlung der Rückspeisung aus Fahrzeugbatterien. Hinzu kommt, dass ein herstellerübergreifendes Plug-and-Play aktuell noch nicht gegeben ist und die begrenzte Verfügbarkeit bidirektional-fähiger Hardware die Umsetzung verzögert.
Wo wollen wir hin?
Bidirektionales Laden erweitert die Rolle gewerblicher Elektrofahrzeuge von reinen Verbrauchern hin zu flexiblen, temporär nutzbaren Speichern im Energiesystem. Damit dieses Potenzial in der Breite nutzbar wird, muss bidirektionales Laden nicht als isolierte Fahrzeugfunktion, sondern als Bestandteil eines integrierten Standort- und Energiesystems verstanden werden – als Schnittstelle zwischen Mobilitätsplanung, Standortoptimierung und energiewirtschaftlicher Flexibilitätsnutzung.
Im Rahmen von Bid-E-V wurde deshalb zunächst untersucht, welche systemischen und betrieblichen Mehrwerte unter realen Bedingungen tatsächlich entstehen und wie sie in Standort-, Netz- und Marktprozesse eingebettet werden können. Darauf aufbauend wurden die praktischen Hürden identifiziert und in technische, marktlich-regulatorische, netz- und infrastrukturseitige sowie standortbezogene Kategorien eingeordnet. Ziel ist ein gemeinsames Verständnis dafür, welche Weichen für einen ganzheitlichen Markthochlauf aus Technologie, Infrastruktur und Regulierung gestellt werden müssen.
Welche Erkenntnisse haben wir gewonnen?
Der Bericht verdichtet die im Projekt sichtbar gewordenen Hürden zu fünf konkreten Handlungsempfehlungen, die jeweils einen zentralen Adressaten benennen:
- Investitionssichere Rahmenbedingungen für KMU schaffen
- Bidirektionale Ladesysteme gezielt im Markthochlauf fördern
- Konformitäts- und Interoperabilitätstests verbindlich ausbauen
- Die Marktverfügbarkeit standardkonformer Hardware beschleunigen
- Umsetzungswissen und Qualifizierung stärken.
Als zentrale Voraussetzungen für die Skalierung erweisen sich investitionssichere regulatorische Rahmenbedingungen, standardisierte Mess- und Abrechnungsprozesse sowie interoperable, marktverfügbare Systemlösungen. Praxisnahe Demonstrationen unter realen Bedingungen, eine bessere Hardwareverfügbarkeit und gezielte Unterstützungsangebote für Unternehmen können den Markthochlauf beschleunigen. Gerade weil sich Gewerbestandorte hinsichtlich Netzanschluss, Bestandsinfrastruktur, Lastprofil, PV-Erzeugung und Flotteneinsatz stark unterscheiden, braucht es übertragbare Umsetzungspfade, die über einzelne Leuchtturmprojekte hinausreichen.