12.01.2026

Finanzierung der Energiewende: Grüner Wasserstoff und Industrie

Die Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft steht und fällt mit zwei Schlüsselbereichen: Wasserstoff und die Industrie. Beide gelten als unverzichtbare Bausteine für die Energiewende – und beide kämpfen mit denselben Herausforderungen: hohe Kosten, fehlende Infrastruktur und ein komplexes Geflecht aus Risiken. Während die Erwartungen an grünen Wasserstoff lange Zeit euphorisch waren, zeigt sich inzwischen Ernüchterung. Projekte werden zurückgezogen, Investitionen stocken. Gleichzeitig steht die Industrie unter enormem Druck, ihre Prozesse zu defossilisieren, ohne die Wettbewerbsfähigkeit zu gefährden.

Im Rahmen dieser Beitragsreihe beleuchten wir welche Investitionsbedarfe sich in Bezug auf Technologien und Sektoren ergeben und geben einen Überblick über die Grundlagen von Finanzierungen. In diesem vierten Artikel der Beitragsreihe gehen wir näher auf Wasserstoff und die Industrie ein.

Übersicht über die Themen der Beitragsreihe Finanzierung der Energiewende

  1. Geldströme für eine klimaneutrale Welt
  2. Grundlagen und Grundbegriffe
  3. Erneuerbare Energien und Speichersysteme
  4. Wasserstoff und Industrie
  5. Infrastruktur
  6. Privater Sektor

Der Wasserstoff- und Industriesektor steht noch am Anfang der Defossilisierung. Aktuell wird weniger als 1 % des globalen Wasserstoffbedarfs aus erneuerbaren oder kohlenstoffarmen Quellen gewonnen [1]. Gleichzeitig gehen 70 % aller industriellen Emissionen auf die Chemie-, Stahl-, Zement- und Aluminiumindustrie zurück. Diese Prozesse gelten entweder als schwer elektrifizierbar oder erfordern Wasserstoff als Rohstoff für Produkte. Aus diesem Grund wird der Einsatz von Wasserstoff als potenzielle Lösung in Betracht gezogen [2].

Abbildung 1: Mittlere jährliche Investitionen in den unterschiedlichen Bereichen: Wasserstoff & Industrie [2–4]

In diesem Beitrag werden die spezifischen Anforderungen sowohl im Kontext industrieller Anwendungen als auch im Bereich Wasserstoff analysiert. Beide zusammen benötigen einen erheblichen Anstieg der Investitionen von gut 300 %, was die größte Zuwachsrate unter allen Bereichen bedeutet (vgl. Abbildung 1).

Status quo Wasserstoff

In den letzten Jahren stieg der Optimismus in der Wasserstoffbranche. Gründe hierfür waren Vorhersagen massiv eintretender Kostenreduktionen für die Erzeugung von grünem Wasserstoff gekoppelt mit den Prognosen, dass für die Erreichung der Klimaschutzziele große Mengen an grünem Wasserstoff benötigt werden. Daher wurden massiv Kapazitäten in der Elektrolyseurherstellung aufgebaut und neue Wasserstoffprojekte zur Herstellung von grünem Wasserstoff angekündigt. Während einige dieser Projekte realisiert werden, kühlt der anfängliche Optimismus aktuell ab. Investitionen in grüne Wasserstoffprojekte sanken 2024 um 56 % gegenüber dem Vorjahr (siehe Abbildung 2).

 

Abbildung 2: Globale Investitionen in grünen Wasserstoff 2020 – 2024 in Mrd. € [5]

Insgesamt besteht bei Investitionen in erneuerbare Energien und Technologien der Energiewende weiterhin eine positive Tendenz. Jedoch ist dieser Trend für den Hochlauf von grünem Wasserstoff aktuell nicht zu beobachten, wobei insbesondere innerhalb Europas Schwierigkeiten zu erkennen sind. Ein Merkmal hierfür ist die Einstellung wichtiger Wasserstoffproduktionsprojekte im Jahr 2025. Symptomatisch zeigt sich dies insbesondere im Rückzug bezuschlagter Projekte aus der zweiten Auktionsrunde der European Hydrogen Bank.

Die Hydrogen Bank ist ein Ausschreibungsmechanismus, in dem Projekte Förderungen je Kilogramm grünen Wasserstoff erhalten können. Die Projekte mit den am niedrigsten beantragten Zuschüssen gewinnen dabei die Ausschreibung. Dabei werden so viele Projekte berücksichtigt, bis das vorgesehene Fördervolumen ausgeschöpft ist. Für die erste Gebotsrunde waren dies 800 Millionen Euro und für die zweite Gebotsrunde gut 1,2 Milliarden Euro. Gleichzeitig können einzelne Länder noch zusätzliche Gelder bereitstellen, um ohne zusätzliche Ausschreibungen Wasserstoffprojekte im eigenen Land zu fördern. Österreich hat auf diese Möglichkeit in der zweiten Gebotsrunde zurückgegriffen und fördert nun den Bau und Betrieb eines 140 MW Elektrolyseurs [6].

Von 12 Gewinnern, die im Juni 2025 veröffentlicht wurden, haben sich bisher 7 Gewinner während der Vertragsverhandlungen zurückgezogen (vgl. Abbildung 3). 5 Projekte befinden sich noch mit der EU in Verhandlungen. Somit sind mehr als 80 % der initial geplanten Produktionsmenge aktuell ausgeschieden. Für die Förderung kommen nachrückende Gebote der überzeichneten Ausschreibung in Frage, die einen höheren Differenzpreis gefordert haben. Folglich können dadurch bei gleichbleibender Fördersumme weniger Mengen an Wasserstoff bezuschusst werden.

Abbildung 3: Initial bezuschlagte Gebote der zweiten Auktion der europäischen Wasserstoffbank

Förderungen sind durch fehlende Wirtschaftlichkeit im Vergleich zu fossilen Alternativen momentan notwendig, um Wasserstoffprojekte zu einer finalen Investitionsentscheidung zu führen. Dies ist vor allem an die Rahmenbedingungen der Finanzierung geknüpft, die es näher zu beleuchten gilt.

Rahmenbedingungen für Finanzierung von Wasserstoffprojekten

Die kürzlich erfahrenen Rückschläge beruhen vor allem darauf, dass fehlende Bankability die Projekte an positiven finalen Investitionsentscheidungen (FID) hindert. Bankability beschreibt die Finanzierungswürdigkeit der Projekte und deren Akzeptanz bei Investoren, insbesondere Banken. Ist die Bankability nicht gegeben, stimmt für Investoren das Verhältnis von Risiko zu Rendite nicht mit deren Erwartungen überein. So folgt im Moment aus durchschnittlich 22 Finanzierungsanfragen je Bank im Schnitt nur eine erfolgreiche Finanzierung. Da aktuell weder eine Wasserstoffinfrastruktur noch geeignete Handelsstrukturen existieren und somit kein liquider grüner Wasserstoffmarkt besteht, sind Abnahmeverträge vor allem bilateral zu schließen und als notwendige Sicherheit die Grundvoraussetzung für die Weiterentwicklung des Projekts. Notwendig sind insbesondere regelmäßige Cashflows, mit denen die Darlehens- und Zinszahlungen der Kapitalgeber getilgt werden können.

Dabei ist zu beachten, dass Investoren lange Abnahmeverträge für den produzierten Wasserstoff von 10 bis 15 Jahren erwarten, die sich möglichst mit der Laufzeit für Darlehen decken sollen. Konträr dazu wollen sich potenzielle Abnehmer möglichst kurz binden, um von zukünftig eintretenden Kostenreduktionen bei der Herstellung von grünem Wasserstoff profitieren zu können.

Jedoch haben sich die Hoffnungen auf Kostenreduktionen für die Herstellung von grünem Wasserstoff unter anderem durch die massive Inflation und die hohen Strompreise in den letzten Jahren vorerst zerschlagen [7]. Da für den Einsatz von grünem Wasserstoff unter aktuellen Marktbedingungen ein Premium im Vergleich zu (fossilen) Substituten bezahlt werden muss, ist die Lücke zwischen Wasserstoffpreisen und Zahlungsbereitschaften aufgrund oben genannter Bedingungen nicht gesunken.

Potenzielle Abnehmer für Wasserstoff hoffen jedoch darauf, dass Preise für grünen Wasserstoff in den nächsten Jahren schnell fallen und schließen somit keine langfristigen Abnahmeverträge.

Hierdurch manifestiert sich jedoch das bestehende Henne-Ei Problem weiter. Kostenreduktionen erfordern Skalierung – Skalierung erfordert Investitionen. Diese bleiben aus, solange die Kosten nicht sinken. Als Konsequenz binden sich Abnehmer nicht an langfristige Abnahmeverträge, da sie Gefahr laufen, einen Wasserstoffpreis zu bezahlen, der schnell nicht mehr konkurrenzfähig ist. Wettbewerber, die später investieren, könnten hier langfristig Preisvorteile erzielen. Für Investoren, insbesondere Fremdkapitalinvestoren, ist es jedoch von zentraler Bedeutung, dass die Cashflows für Wasserstoffprojekte prognostizierbar und langfristig abgesichert sind. Nur dadurch kann eine Finanzierung zu adäquaten Kapitalkosten sichergestellt werden. Die Prognostizierbarkeit dieser Cashflows und somit die finanziellen Rahmenbedingungen werden bei Wasserstoffprojekten noch durch weitere Wechselwirkungen tangiert.

Beispielsweise ist das technologische Risiko, Elektrolyseure direkt mit erneuerbaren Energien zu koppeln und variable Lastgänge zu verarbeiten, langfristig noch nicht final abzuschätzen.

Weiterhin bestehen im Vergleich zu erneuerbaren Energien Marktrisiken für Wasserstoff, die es in dieser Form nicht für Elektrizität gibt. Wasserstoff als Energieträger ist vor allem deshalb relevant, weil er im Vergleich zu Elektrizität transportierbar und langfristig speicherbar ist. Daher besteht die Option, Wasserstoff (Derivate) weltweit zu handeln. Importe, produziert aus Ländern mit besseren Erneuerbare-Energien-Potenzialen könnten deshalb lokal produzierten Wasserstoff preislich unterbieten, was eine neue Dimension in der Komplexität der Marktsituation erzeugt.

Aufgrund der oben genannten Risiken werden Investitionen aus finanzieller Perspektive oft als zu risikoreich eingestuft. Risikozuschläge, die die Banken in ihre Zinssätze einpreisen, liegen für grüne Wasserstoffprojekte gut dreimal so hoch wie vergleichbare erneuerbare Energien Projekte und verteuern die Projekte überproportional. Durch Investitionssummen in Millionenhöhe für Elektrolyseprojekte werden jedoch dringend hohe Anteile und große Summen an Fremdkapital zur Finanzierung benötigt.

Viele Projekte scheitern schlussendlich an fehlendem Kapital. Insbesondere die Herausforderung, langfriste, vertraglich gebundene Abnehmer zu finden, wird als Hauptkriterium beschrieben, warum Wasserstoffprojekte auf dem Weg zur finalen Investitionsentscheidung scheitern.

Investoren bewerten außerdem die Kreditwürdigkeit potenzieller Abnehmer. Insbesondere bei bilateralen Verträgen. Daher hängt die Finanzierung von Wasserstoffprojekten nicht nur vom Willen eines Abnehmers ab, der einen Vertrag zur Abnahme von Wasserstoff schließen möchte, sondern auch, ob dieser in der Lage ist, die finanzielle Leistungsfähigkeit aufzubringen, die nötig ist, um die Transformation hin zu einer klimaneutralen Produktionsstätte samt Wasserstoffbezug zu verwirklichen.

Für die Abnahme von grünem Wasserstoff werden vor allem Hoffnungen auf die schwer zu elektrifizierenden Industriezweige gesetzt. Jedoch kämpft die deutsche und europäische Industrie mit eigenen Herausforderungen, die den Umstieg auf transformative Industrieprozesse erschweren.

Status quo Industrie

Die Transformation der industriellen Aktivitäten ist von überragender Bedeutung. Diese sind die zweitgrößte Quelle für CO2-Ausstoß weltweit, wobei die Zement-, Stahl- und Chemieindustrie für 70 % aller industrieller Emissionen verantwortlich sind [8].

Jedoch setzen hohe Strompreise, die Einbindung in den ETS und dessen Ausweitung, sowie die aggressiven Expansions- und Exportpläne asiatischer Nationen und die Zollpolitik der USA die europäische Industrie zusätzlich unter Druck. Dies beeinflusst die Konkurrenzfähigkeit der energieintensiven europäischen Industrie im internationalen Vergleich negativ (vgl. Abbildung 4).

Abbildung 4: Industriestrompreis und Gaspreis im Vergleich: Die Länder USA, China und Deutschland im Jahr 2025 [9–11]

 

Dabei bietet sich in Industrieländern aufgrund des Durchschnittsalters der Produktionsstätten gerade jetzt ein Zeitfenster von wenigen Jahren, das für die Transformation genutzt werden muss. 90 % der Anlagen zur Stahlherstellung und 80 % der Anlagen zur Zementproduktion in der EU sind älter als 20 Jahre. Die alternden Anlagen müssten schnell generalsaniert oder neu gebaut werden. Dabei müssten alle Anlagen, die ab 2030 gebaut werden, klimaneutral betrieben werden. Etwaige Umbauten bestehender Industrieanlagen müssen vorsichtig und mit Weitsicht geplant werden, da sie sonst in Gefahr laufen ein „Stranded Asset“ zu werden. Die Entscheidung über einen Neubau oder einer Renovierung der Anlage besteht mindestens für 20 Jahre und kann aufgrund der Investitionshöhe nur einmalig in diesem Zyklus erfolgen. Eine falsche Entscheidung kann somit unweigerlich zu schwerwiegenden Konsequenzen bis hin zur Werksschließung führen. [8]

Die für die Industrietransformation notwendigen Technologien befinden sich derzeit oftmals im Prototypen- oder Demonstrationsstatus. Daher fehlen insbesondere Erfahrungen in der Skalierung etwaiger Projekte. Weiterhin bestehen Unsicherheiten über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, da jeder Anlagenbau ein Unikum ist und vorherrschende Erfahrungen nicht vollumfänglich auf neue Anlagen übertragbar sind.

Stahlindustrie:

32 der 47 Betreiber von Stahlanlagen in Europa haben ein Datum für das Produktionsende des Hochofens bekanntgegeben, davon 24 bis 2035. Lock-in Effekte von mehr als 20 Jahren bestehen, wenn man sich für die Überholung einer Anlage entscheidet. Vorausschauende Handlungen und politische Unterstützung sind notwendig, insbesondere da sich laut Industrievertretern die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen seit 2022 verschlechtert haben [12]. Dies wurde prinzipiell auch durch die EU und Deutschland erkannt. So wurden EU-weit 9 Milliarden Euro, davon 7 Milliarden in Deutschland, an Förderungen und Garantien für die Transformation der Stahlindustrie zur Verfügung gestellt. Der Ausblick trotz der Unterstützung bleibt ungewiss.

Bei der Umsetzung der Transformationsvorhaben in der Stahlindustrie zeigt sich ein gemischtes Bild. So hat die in Deutschland ansässige SHS-Group kürzlich einen Abnahmevertrag für grünen Wasserstoff zur Versorgung ihrer Direktreduktionsanlage geschlossen, während thyssenkrupp steel die Ausschreibung für den Bezug von grünem Wasserstoff aufgrund zu hoher aufgerufener Preise vorerst zurückgezogen hat [13, 14]. Die dortige DRI-Anlage soll jedoch planmäßig 2027 in Betrieb gehen und schrittweise bis zum Jahr 2037 vollständig auf grünen Wasserstoff umgestellt werden [15]. Salzgitter hat die erste Transformation seiner Stahlerzeugung eingeleitet, jedoch weitere Ausbaustufen um zwei Jahre nach hinten geschoben [12]. ArcelorMittal als größter europäischer Stahlhersteller hat alle Transformationspläne für die deutschen Werke auf Eis gelegt [12]. Gleichzeitig handelt es sich bei dem Projekt um den ersten Neubau eines Stahlwerks seit mehr als 50 Jahren in Europa. Das Vorzeigeprojekt beinhaltet zudem das größte europäische Elektrolyseprojekt mit mehr als 700 MW, welches das Werk mit grünem Wasserstoff versorgen soll. Das Projekt ist jedoch aufgrund von ungeplanten Kostensteigerungen ebenfalls in finanziellen Schwierigkeiten und benötigt in einer neuen Finanzierungsrunde frisches Kapital.

Chemieindustrie:

Die europäische und deutsche Chemieindustrie ist von aktuellen geopolitischen Unsicherheiten besonders betroffen. So ist der Marktanteil der europäischen Chemieindustrie innerhalb der letzten 10 Jahre von 16 % auf 13 % zurück gegangen. Gleichzeitig hat China selbigen von 34 % auf 43 % stetig erhöht [16].

Hohe Strom- und Gaspreise (vgl. Abbildung 3) zeigen, dass die Konkurrenzfähigkeit im internationalen Vergleich gefährdet ist.

Zusätzlich führen US-Zollbeschränkungen für den europäischen und chinesischen Markt dazu, dass die Exporte der europäischen Chemieindustrie durch Zölle in die USA belastet werden. Gleichzeitig lenkt China durch schwache inländische Nachfrage entstehende Überkapazitäten in den europäischen Markt. Dies hat zur Folge, dass sich europäische Importe chinesischer Chemikalien seit 2019 um 34 % erhöht haben und somit die heimische Chemieindustrie unter Druck setzen [16]. Deren Auslastung zeigte sich zwischen 2015 und 2022 noch bei mehr als 90 %, sank jedoch ab 2022 kontinuierlich und pendelt sich seitdem bei gut 80 % ein [17].

Zementindustrie:

Das Momentum der Zementindustrie ist in den letzten Jahren aus wirtschaftlicher Sicht rückläufig. Ein durch die Inflation getriebener Zinsanstieg führt seit 2022 zum Rückgang von Neubautätigkeiten in der Baubranche. Davon war und ist noch immer vor allem der Wohnungsbau betroffen. Der Einbruch vom Höchststand 2021 mit über jährlich 350.000 genehmigten Wohnungen bis zum Jahr 2024 mit ca. 216.000 genehmigten Wohnungen ist beträchtlich und gleichzeitig ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Zementindustrie [18, 19].

Hoffnung schöpft die Bau- und Materialindustrie vor allem durch die Freigabe des Sondervermögens für Infrastruktur und Klimaneutralität. Dies wurde von der aktuellen Bundesregierung im März 2025 angekündigt und soll zur Modernisierung der innerdeutschen Infrastruktur beitragen, um diese zukunftsfähig auszurichten. Das Volumen hierfür beträgt 500 Milliarden Euro und wird über die nächsten zwölf Jahre ausgezahlt. Bei Ankündigung des Sondervermögens sind Aktienkurse betroffener Unternehmen, darunter Unternehmen aus der Zementindustrie, innerhalb eines Tages um 16 bis 30 % gestiegen, was die Relevanz dieser Investitionen für die Branche unterstreicht [20]. Die anfängliche Euphorie ist jedoch aktuell in der Branche etwas eingetrübt, nachdem größere Investitionen auf kommende Jahre verschoben wurden und Gelder nicht so schnell abgerufen werden, wie ursprünglich geplant  [21]. Sollten diese Investitionen zeitnah angestoßen werden, wird deren Einfluss spürbar sein. Rund 30 % des Umsatzes im Baugewerbe kommen aus dem öffentlichen Sektor [22].

Rahmenbedingungen für Finanzierung von Industrieprojekten

Die aktuelle Situation in den energieintensiven europäischen Industrien weist viele Gemeinsamkeiten auf. Hohe Energiepreise senken die Wettbewerbsfähigkeit und drücken die Auslastung der Industriestätten nach unten. Dies führt zu Ineffizienzen und folglich zu sinkenden Gewinnen. Gewinnwarnungen wurden dieses Jahr schon von mehreren großen Industriebetrieben angekündigt. Fehlende Gewinne beschneiden die Cashflows und führen zu einer geringeren Innenfinanzierungskraft. Industriebetriebe können sich deshalb nur schwierig aus eigener Kraft refinanzieren. Auch unter Berücksichtigung von auszuschöpfenden Außenfinanzierungsmitteln reichen die Rahmenbedingungen oftmals nicht für den Neubau der Anlagen, deren Investitionsvolumina schnell die Milliarden Marke überschreiten. Dies wird insbesondere durch Risikobewertungen von Investoren zusätzlich verschärft. Die Defossilisierung der Industrieanlagen führt unter gegebenen Rahmenbedingungen und dem Einsatz von Defossilisierungstechnologien aktuell oftmals zu höheren Kosten als bei konventionellen Anlagen (vgl. Abbildung 5). Daher ist ein finanziell attraktives Geschäftsmodell im Moment nicht oder nur selten allein durch wirtschaftliche Anreize darzustellen. Dies erschwert die Suche nach Investoren, die Stabilität und langfristig stabile Cashflows benötigen, um mit einem passenden Risiko-Rendite Profil zu investieren.

 

Abbildung 5: Aufschlag in % bei Einsatz von grünem Wasserstoff im Vergleich zu herkömmlichen Technologien für verschiedene Einsatzgebiete unter aktuellen Rahmenbedingungen [7, 23–26].

Zur Minderung bestehender Risiken und zur Schaffung finanzierbarer Rahmenbedingungen für Industrieprojekte werden derzeit verschiedene Instrumente und Mechanismen diskutiert, die Unternehmen bei der Defossilisierung ihrer Produktionsprozesse unterstützen sollen.

Insgesamt stellen die EU und Deutschland für die Defossilisierung der Industrie aktuell mehr als 100 Milliarden € in unterschiedlichen Förderformaten und Förderprogrammen zur Verfügung. Sie erkennen damit die enormen wirtschaftlichen Anstrengungen, die unternommen werden müssen, um den industriellen Transformationsgedanken voranzutreiben.

Vor allem bei Industrieunternehmen wurde erkannt, dass eine reine Investitionskostenförderung die spezifischen Risiken, die insbesondere aus hohen Energiekosten resultieren, nicht vollständig ausgleichen kann.

Deshalb wurden sogenannte Klimaschutzverträge als Förderformat entworfen (vgl. Abbildung 6). Sie dienen als Kompensationsmechanismus, um die Lücke zu fossilen Energieträgern zu schließen. Die Verträge sichern die Industrieunternehmen langfristig gegen Preisrisiken, bspw. von Wasserstoff und CO2, ab. Die Summe der Förderzahlung ist dabei dynamisiert und passt sich an die aktuellen Marktpreise von CO2 und dem der fossilen Substitute an. Somit lassen sich Investitionsrisiken aus nicht beeinflussbaren Preis- und Zertifikatsschwankungen absichern. Sobald das kohlenstoffarme Produktionsverfahren günstiger als die konventionelle Methodik ist, ändert sich der Ausgleichsmechanismus und es erfolgt eine Überschusszahlung von Seiten des Produzenten an den Staat [27]. Dabei sollen gezielt die innovativsten Technologien mit den geringsten CO2-Vermeidungskosten gefördert werden. In Deutschland ist die erste Runde der Vergabeverfahren für die Klimaschutzverträge dabei schon abgeschlossen. Das zweite Gebotsverfahren wurde kürzlich von der EU-Kommission genehmigt und soll sich auf einen niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag belaufen, der den Unternehmen über einen Zeitraum von bis zu 15 Jahren gewährt wird.

 

Abbildung 6: Förderzahlungen durch Klimaschutzverträge im Zeitverlauf [27]

Da die Defossilisierung auf globaler Ebene unterschiedlich schnell voranschreitet, steuert die europäische Industrie durch die Bepreisung ihrer CO2-Emissionen auf die Gefahr hin, dass durch sogenannten Carbon Leakage die CO2-Emissionen in Ländern mit geringeren Anforderungen ausgestoßen werden. Als Folge könnten industrielle Produkte mit einem hohen CO2-Fußabdruck importiert werden. Waren könnten in Drittländern produziert werden und ohne die zusätzliche Abgabe auf die Höhe der CO2-Emissionen innerhalb der EU verkauft werden. Dies hätte nicht nur eine Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie zur Folge, sondern würde auch zentrale Förderinstrumente wie Klimaschutzverträge untergraben, die als wesentliche Hebel für die Transformation der Industrie konzipiert sind.

Zur Kompensation dieser ungleichen Wettbewerbsbedingungen für europäische Länder wurde der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) eingeführt (vgl. Abbildung 7). Dieser befindet sich aktuell noch in der Übergangsphase bis zur vollständigen Implementation im Jahr 2026.

 

Abbildung 7: Erklärung des Carbon Border Adjustment Mechanism

 

Ausblick

Sowohl die Wasserstoffwirtschaft als auch die energieintensive Industrie sehen sich derzeit mit vergleichbaren Herausforderungen konfrontiert – viele davon sind eng miteinander verknüpft. Trotz vielfältiger Förderinstrumente reicht das aktuelle Tempo nicht aus, um die Transformation entscheidend voranzubringen. Internationale Verflechtungen und geopolitische Unsicherheiten erschweren die Lage zusätzlich und können selbst innovative Mechanismen wie Klimaschutzverträge unter Druck setzen.

Neben politischer Kooperation ist die schnelle Marktreife neuer Technologien entscheidend, um mittelfristig einen spürbaren Beitrag zur Defossilisierung zu leisten. Dazu zählt vor allem, dass technologische Fortschritte und regulatorische Rahmenbedingungen kein Flickenteppich bleiben, sondern global harmonisiert und vorangetrieben werden müssen. Einheitliche CO₂-Bepreisung und Mechanismen wie der CBAM spielen eine zentrale Rolle – vorausgesetzt, sie werden international akzeptiert. Durch die global vernetzten Handelsströme mit Wasserstoff und Industrieprodukten können insbesondere in diesen Bereichen nur weltweit definierte verlässliche Rahmenbedingungen Risiken reduzieren und Chancen für neue Märkte genutzt werden.

Literatur

[1]     IEA. Global Hydrogen Review 2024; October 2024.

[2]     Energy Transitions Comission. Financing the Transition: How to Make the Money Flow for Net-Zero Economy; 2023.

[3]     International Renewable Energy Agency (IRENA). World Energy Transitions Outlook 2024: 1.5°C pathway; 2024.

[4]     BloombergNEF. Energy Transition Investment Trends 2024: Tracking global investment in the low-carbon transition; 2024.

[5]     BloombergNEF. Energy Transition Investment Trends: Tracking global investment in the low-carbon transition; 30.01.2025.

[6]    OMV. OMV baut eine der größten Elektrolyseanlagen Europas für grünen Wasserstoff; 29.09.2025.

[7]     FfE. Von der Theorie zur Praxis: Warum grüner Wasserstoff teurer ist als gedacht; 2025.

[8]    IEA, International Energy Agency. Achieving Net Zero Heavy Industry Sectors in G7 Members; Mai 2022.

[9]     Prognos AG. Internationaler Strompreisvergleich: Einordnung und Handlungsempfehlungen zu Stromkosten der österreichischen Industrie; 2025.

[10]   Rigzone. USA EIA Reveals Latest Henry Hub natural Gas Price Forecasts. 2025. https://www.rigzone.com/news/usa_eia_reveals_latest_henry_hub_natural_gas_price_forecasts-20-jan-2025-179370-article/. Accessed 18 Nov 2025.

[11]   Intratec Solutions. Track Natural Gas Prices in China. 2025. https://www.intratec.us/solutions/energy-prices-markets/commodity/natural-gas-price-china. Accessed 18 Nov 2025.

[12]   Handelsblatt. Stahlkonzern Salzgitter verzögert Investitionen in grünen Umbau. 19.09.2025. https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/salcos-projekt-stahlkonzern-salzgitter-verzoegert-investitionen-in-gruenen-umbau/100156520.html. Accessed 6 Oct 2025.

[13]   SHS – Stahl-Holding-Saar GmbH&Co.KGaA. Die Transformation schreitet voran: SHS-Gruppe und Verso Energy unterschreiben wegweisenden Wasserstoff-Vertrag; 05.09.2025.

[14]   Energie & Management GmbH. Thyssenkrupp Steel pausiert Ausschreibung: Der Stahlhersteller Thyssenkrupp hat seine Ausschreibung zum Kauf von grünem Wasserstoff für sein Duisburger Direktreduktions-Eisenwerk auf Eis gelegt.; 27.03.2025.

[15]   tagesschau. EU erlaubt Milliarden-Beihilfe für Thyssenkrupp. 2023. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/gruener-stahl-thyssenkrupp-100.html#:~:text=Thyssenkrupp%20soll%20gewonnenes%20Wissen%20teilen,eine%20Milliarde%20Euro%20Eigenmittel%20investieren. Accessed 7 Oct 2023.

[16]   Cefic. The European Chemical Industry Facts and Figures 2024: A vital part of Europe’s Future; 2025.

[17]   Oxford Economics. Tipping Point: Threats to Jobs and Growth in Europe’s Chemical Sector: A Report for Ineos by Oxford Economics; 2025.

[18]   Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e.V. Bauwirtschaft im Zahlenbild; 2024.

[19]   Statistisches Bundesamt. 16,8 % weniger Baugenehmigungen für Wohnungen im Jahr 2024; 18.02.2025.

[20]   boerse.de. Börse Aktuell. 2025. https://www.boerse.de/?linksource=group_navi. Accessed 18 Nov 2025.

[21]   Handelsblatt. Die Infrastruktur-Milliarden kommen in der Baubranche nicht an. 2025. https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/industrie-die-infrastruktur-milliarden-kommen-in-der-baubranche-nicht-an/100159161.html. Accessed 18 Nov 2025.

[22]   Statistisches Bundesamt. Branchen und Unternehmen: Bauen. 2025. https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen-Unternehmen/Bauen/_inhalt.html#. Accessed 18 Nov 2025.

[23]  GMK Center. Green Steel Supply: 2025-2035; 2025.

[24]   X2E System Engineering GmbH. Wasserstoff-Blog: Trends, Technik, Hintergründe: Entwicklung der Wasserstoffpreise. https://x2e-se.de/ratgeber/entwicklung-der-wasserstoffpreise. Accessed 18 Nov 2025.

[25]   Project SkyPower. Accelerating the take-off for e-SAF in Europe; 2024.

[26]   IRENA. 2.2 Shipping. 2025. https://www.irena.org/Decarbonising-hard-to-abate-sectors-with-renewables-Enablers-and-recommendations/Transport-sector/Shipping. Accessed 18 Nov 2025.

[27]   Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK). Klimaschutzverträge erklärt: Verträge für den Klimaschutz und den Industriestandort Deutschland.