Akzeptanz und Bereitschaft zur Teilnahme – welche Anreizmechanismen spielen eine Rolle?

Beitragsreihe „Partizipation im (digitalen) Energiesystem“ – Teil 2

Bei der Entwicklung und Umsetzung des Partizipationskonzeptes für ALF als auch in weiteren C/sells Partizipationszellen konnten Erkenntnisse zu Herausforderungen und Erfolgsfaktoren gesellschaftlicher Partizipation im digitalen Energiesystem gesammelt werden. Nach der Einführung ist dieser Artikel Teil 2 einer kurzen Beitragsserie von vier Beiträgen, in der wir diese näher erläutern werden:

 

Beitragsreihe "Partizipation im (digitalen) Energiesystem
1.   Teilnahme am (digitalen) Energiesystem – welche Formen der Partizipation gibt es?
2.   Akzeptanz und Bereitschaft zur Teilnahme – welche Anreizmechanismen spielen eine Rolle?
3.   Erfolgsfaktoren für Partizipation in lokalen Energieprojekten – Lessons Learned aus den C/sells Demonstrationsprojekten
4.   Umwelteinflüsse digitaler Partizipationskonzepte – ökologische Aspekte eingesetzter digitaler Infrastruktur

 

Wie in Teil 1 dieser Beitragsreihe erläutert, ist im Demonstrationsprojekt des Altdorfer Flexmarktes ALF die Teilnahme von 30 – 60 Besitzer*innen dezentraler Flexibilitätsoptionen vorgesehen. Im Gegensatz zu theoretischen Forschungsvorhaben erfordern partizipative Demonstrationsprojekte die Ausarbeitung einer zielgerichteten Ansprache und anschließender Begleitung der Teilnehmer*innen. Allgemein gilt die Akzeptanz des Projektes und im weiteren Sinne des übergeordneten Ziels, der Energiewende, sowie die Ansprache zielgruppenspezifischer Anreizmechanismen als Grundvoraussetzung für erfolgreiche Partizipation. In diesem Beitrag werden die theoretischen Hintergründe sowie die erhobenen Anreize potenzieller ALF-Teilnehmer reflektiert.

Theoretischer Hintergrund

Laut Everett M. Rogers‘ Diffusionstheorie, Diffusion of Innovations Theory, (DOI) (vgl. [1]) spielen für die Durchdringung einer neuen Technologie verschiedene Akteursgruppen und Anreize im zeitlichen Verlauf eine Rolle. Je nach Zeitpunkt der Übernahme einer Technologie reichen die Nutzerkategorien von Innovatoren, frühen Adaptoren, der frühen Mehrheit bis hin zur späten Mehrheit und schlussendlich den sogenannten Nachzüglern. Die Nutzer einer Innovation lassen sich in die zwei Kategorien Forerunner (Innovatoren und frühe Adaptoren) und Follower (frühe Mehrheit, späte Mehrheit, Nachzügler) unterteilen. Aus explorativer Forschung sowie vorliegender Literatur ergibt sich eine Zuteilung dieser unterschiedlichen Nutzergruppen zu verschiedenen Anreizen, welche sich in emotionale, rationale und soziale Anreize unterscheiden (vgl. Abbildung 1).

 

Zusammenhang zwischen Anreizen und Zielgruppen

Abbildung 1: Zusammenhang nach [1] zwischen Anreizen und Zielgruppen bei der Verbreitung von Innovationen (vgl.[2])

Forerunner gelten häufig als Vorbilder und reagieren v. a. auf emotionale Anreize. Bezogen auf Innovationen im Energiesystem fallen darunter Umweltaspekte, Interesse an neuen Technologien und auch Autarkiebestrebungen. Zur Ansprache der frühen Mehrheit in der Kategorie der Follower sind zusätzlich rationale Anreize notwendig, wie bspw. finanzielle Einnahmen oder Dienstleistungen. Für die ausschlaggebende Diffusion entlang der S-Kurve spielen letztlich soziale Anreize wie Gruppendynamiken eine relevante Rolle. (vgl. [2])

 

Beispiel: Relevante Anreize zur Teilnahme am Altdorfer Flexmarkt "ALF"

Als Teil des Partizipationskonzeptes für ALF werden Akzeptanzforschungstheorien und Best-Practice Methoden bestehender Smart-Grids-Projekte in ein Akzeptanzmodell überführt. Dabei ergeben sich zusätzlicher Nutzen, Komfort, einfache Nutzung, Kosten, Sicherheit, Umwelt, soziale Einflüsse und Kontrolle als acht Hauptkategorien von Anreizmechanismen. Weiter resultieren die Parameter Kostenvorteile, Gemeinschaft, Pionierregion, Regionalität, Technikinteresse, Umwelt und Vorbildcharakter als potenziell ausschlaggebende Faktoren. Mittels einer Umfrage innerhalb der Zielgruppe, u. a. bei einem Bürgerdialog, bewerten die Befragten die Relevanz definierter Anreizmechanismen sowie die allgemeine Einstellung gegenüber dem Projekt und der Energiewende.

Die Umfrageergebnisse zeigen eine generell positive Haltung gegenüber der Digitalisierung im Energiesystem sowie Innovationen wie Flexmärkten. Ein Großteil der 33 Befragten weist typische Charakteristika der Forerunner auf, wobei es sich um Teilnehmer mit hohem Bildungsabschluss und ausgeprägtem Interesse an Energie(-technik) handelt. Einhergehend zeigt sich intrinsische Motivation bei den Teilnehmern – insbesondere emotionale Anreize wie Umweltschutz und der aktive Beitrag zur Energiewende sind ausschlaggebende Faktoren. Demgegenüber besteht unter den Umfrageteilnehmern kaum Bereitschaft zu Komforteinbußen (vgl. [3]). Wie in Abbildung 2 dargestellt zeigt eine Analyse nach Altersklasse unterschiedliche Prioritäten.

 

Umfrageergebnisse Anreiz Teilnahme Altdorfer Flexmarkt

Abbildung 2: Auszug Umfrageergebnisse: Relevanz von Anreizen zur Teilnahme an ALF je Altersklasse (vgl. [2])

Demnach werden Umweltaspekte unter allen Alterskategorien priorisiert genannt. Ebenso gelten der Beitrag zur technischen Weiterentwicklung und Regionalität als allgemeine Anreize. Klare Differenzen ergeben sich hinsichtlich der Relevanz, durch die Teilnahme die eigene Heimat als Pionierregion im Energiebereich voranzutreiben. Dieser Faktor wird von der jüngsten Altersgruppe mit der niedrigsten Prioritätsstufe bewertet, wohingegen die Bewertung durch die beiden älteren Altersgruppen im Mittelfeld liegt. Umgekehrt spielt nur für die jüngsten Teilnehmer das soziale Bedürfnis eines Gemeinschaftsgefühls eine priorisierte Rolle. Rationale Anreize wie der finanzielle Mehrwert werden zwar von Teilnehmer*innen der älteren Altersklasse (< Jahrgang 1955) weniger stark priorisiert, die Kompensation von Mehrausgaben ist jedoch unter allen Teilnehmern Grundvoraussetzung einer Teilnahme. (vgl. [2])

Um neben Forerunnern die frühe und späte Mehrheit laut Rogers Diffusionskurve anzusprechen, werden für die Probandenakquise und –begleitung in ALF auch soziale Anreize in das Partizipationskonzept integriert. Die Umsetzung wird in Teil 3 der Beitragsreihe „Partizipation im zukünftigen (digitalen) Energiesystem“ erläutert.

 

Quellen:

[1]  Rogers, Everett M.: Diffusion of Innovations - Third Edition in: https://teddykw2.files.wordpress.com/2012/07/everett-m-rogers-diffusion-of-innovations.pdf (08.11.2015). New York: The Free Press, 1983
[2]  Wohlschlager, Daniela et al.: Bürgerbeteiligung in intelligenten Energiesystemen - Konzept zur gesellschaftlichen Partizipation in lokalen Energieprojekten am Beispiel des Altdorfer Flexmarktes. In: Tagungsunterlagen Zukünftige Stromnetze; Berlin: Conexio GmbH, 2020.
[3] Wohlschlager, Daniela et al.: Intrinsische Anreize zur aktiven Teilnahme am Energiesystem der Zukunft - Nachhaltige Energiewende durch individuelle Motivation. In: BWK - Das Energie Fachmagazin Ausgabe 03, 2020. Düsseldorf: Verein Deutscher Ingenieure (VDI), 2020.

 

Dieser Artikel ist Teil 2 von 4 der Beitragsreihe „Partizipation im zukünftigen (digitalen) Energiesystem“

 

Weiterführende Informationen:

 

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