Preise für CO2-Zertifikate legen innerhalb eines Jahres um 250 % zu

Veröffentlicht am 29.08.2018

Der europäische Emissionshandel galt im Winter noch als „gescheitert“. In einem Gastbeitrag für die Zeit schrieb Felix Matthes, Experte für Dekarbonisierungsstrategien am Öko-Institut, im Februar dieses Jahres: „Auf diese Art wird es bis weit in die 2020er Jahre und vielleicht auch noch darüber hinaus nicht zu Knappheit kommen und so auch nicht zu Preisen, die zusätzliche Emissionsreduktionen bewirken.“ [1] Im Deutschlandfunk wurde von der Übersättigung des Marktes mit überschüssigen Zertifikaten und die darauf zurückzuführenden CO2-Preise berichtet: „der CO2-Preis dümpelt bei ein paar Euro pro Tonne“ [2] – auch hier: von einer dynamischen Preisentwicklung keine Spur. Dementsprechend unzuverlässig galt das Instrument des europäischen Emissionshandels, kurz EU ETS, als regulatorische Maßnahme zur Erreichung von Klimazielen. In einem Arbeitspapier der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) wurde das EU ETS daher als langfristige Option eingestuft, die jedoch aufgrund der temporären Wirkungslosigkeit von einem gesetzlich verankerten Kohleausstieg oder einem CO2-Mindestpreis flankiert werden sollte. [3]

Ein halbes Jahr später hat sich einiges getan: Von CO2-Preisen knapp unter 6 € pro emittierter Tonne CO2 im August 2017 ist der Zertifikatspreis auf über 21 € (28. August 2018) angestiegen. Ein Preisniveau, das im „Current Policy“-Szenario des World Energy Outlook [4] erst in 2025 erwartet wurde und Eingang in viele Studien gefunden hat. Dementsprechend in Aufruhr versetzt sind die Branchen der Energiewirtschaft und energieintensiven Industrie. Obwohl in der Stromerzeugung die steigenden Kosten zum Großteil in Form erhöhter Großhandelsstrompreise an den Endverbraucher weitergegeben wurden, sind Verschiebungen in der Erzeugungsstruktur konventioneller Kraftwerke abzusehen. Emissionsintensive Technologien wie Braun- oder Steinkohlekraftwerke werden es zunehmend schwer haben, sich gegenüber den klimafreundlicheren und mit Erdgas befeuerten Kraftwerken zu behaupten. Voraussetzung hierfür wäre, dass sich keine wesentlichen gegenläufigen Veränderungen hinsichtlich der Brennstoffpreise ergeben. Für welche Energieversorger dies besonders lukrativ oder schmerzhaft werden dürfte, bleibt abzuwarten. So schreibt die Zeitung „Welt“, dass sich beispielsweise der Versorger RWE mit Zertifikaten zum Preis von 7 € eingedeckt habe, die bis in das Jahr 2022 reichen [5].

Woher kommt der Stimmungswandel am Markt?

  1. Ab 2019 greift die Marktstabilitätsreserve, wodurch aufgrund der Reduzierung der in den Markt eingebrachten Zertifikatsanzahl erstmalig eine echte Knappheitssituation zu erwarten ist. Wie sich die Marktteilnehmer in dieser neuen Situation verhalten werden, ist mit einer hohen Unsicherheit behaftet.
  2. Im Frühjahr dieses Jahres wurden durch die EU-Kommission verschiedene Anpassungsmaßnahmen am EU ETS verabschiedet. Kern der Korrekturen ist eine stärkere Verringerung der Zertifikatsanzahl für die Handelsperiode 2021 bis 2030. Dies soll durch eine Verdopplung der Zertifikate, welche bis Ende 2023 in die Marktstabilitätsreserve überführt werden, einer Erhöhung des jährlichen Reduktionsfaktors von 1,74 auf 2,2 % und eine Verringerung des Anteils kostenlos zugewiesener Zertifikate erreicht werden. [6]

Dementsprechend kann das jetzige Preisniveau als Spekulation auf zukünftige Knappheitssituationen mit steigenden Preisen gewertet werden. Wie weit der Preis mittelfristig noch klettern wird, wird von den Analysen der „Carbon-Tracker“-Initiative in ihrem Bericht vom 21.08.2018 [7] beantwortet: So werden bis Ende des Jahres Preise von 25 € pro Tonne erwartet und für die Jahre 2019 bis 2023 ein Durchschnittspreis von 35 – 40 € pro Tonne prognostiziert.

Ab welchen Preisen sich grundlegende Verschiebungen in der Einsatzreihenfolge der Kraftwerke (Merit-Order) ergeben und inwieweit ein Kohleausstieg darauf Auswirkungen hat, wird im Arbeitspapier der FfE erläutert [3]. Darüber hinaus untersucht das Münchner Forschungsteam im Rahmen des Projekts „Dynamis“ (FKZ: 03ET4037A), wie sich verändernde Rahmenbedingungen, wie beispielsweise CO2-Preise, auf die Kosteneffizienz von Emissionsreduktionsmaßnahmen im Energiesystem auswirken. Die überraschende Preisentwicklung am EU ETS zeigt sehr deutlich, dass plötzliche oder disruptive Veränderungen von Rahmenbedingungen zu starken Rückwirkungen auf den europäischen Strommärkten führen können. Diese und viele weitere Extremszenarien werden von der FfE im Rahmen des Projektes „eXtremOS“ (FKZ: 03ET4062) untersucht.

[1] https://www.zeit.de/wirtschaft/2017-02/eu-umweltminister-emissionshandel-barbara-hendricks-co2-ausstoss (abgerufen am 29.08.2018)

[2] https://www.deutschlandfunk.de/gegenwind-was-die-energiewende-bremst-3-6-emissionshandel.676.de.html?dram:article_id=399948 (abgerufen am 29.08.2018)

[3] https://www.ffe.de/attachments/article/757/20180115_FfE_Arbeitspapier_CO2-Preis_vs_Kohleausstieg.pdf (abgerufen am 29.08.2018)

[4] World Energy Outlook 2017. Paris: International Energy Agency (IEA), 2017.

[5] https://www.welt.de/wirtschaft/article181298058/Klimaschutz-Die-Energiewende-loest-sich-jetzt-quasi-von-selbst.html (abgerufen am 29.08.2018)

[6] https://www.energate-messenger.de/news/180733/reform-des-eu-emissionshandels-ist-beschlossene-sache (abgerufen am 29.08.2018)

[7] https://www.carbontracker.org/reports/carbon-countdown/ (abgerufen am 29.08.2018)

Autoren: Felix Böing, Anika Regett, Dr. Christoph Pellinger

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