05.2026 - 12.2027

Pilotprojekt zur Ausgestaltung und Erprobung dynamischer Netzentgelte

Die Nachfrage nach Kapazitäten in den Niederspannungsverteilnetzen wächst seit Jahren schneller, als sich die Netze ausbauen lassen. Getrieben durch den Hochlauf von Wärmepumpen, Elektrofahrzeugen (EVs) und Heimspeichern stehen die Verteilnetze unter doppeltem Druck: auf der einen Seite eine steigende Last durch elektrifizierte Verbraucher, auf der anderen eine volatile Einspeisung durch unkoordinierte Kleinstanlagen im Bereich der Photovoltaik (PV).

Statische Netzentgelte setzen dabei heute keine Anreize, flexible Verbraucher in Zeiten geringerer Netzauslastung zu steuern. Dynamische Netzentgelte könnten genau diese Lenkungswirkung entfalten. Ob das in der Praxis trägt, untersucht dieser Pilot des SET Hub Projekts der dena [1]. Umgesetzt wird das Projekt durch ein Konsortium von Neon Neue Energieökonomik (Leitung), Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) und der UnternehmerTUM.

Ziel des Projekts ist es, dynamische Netzentgelte konzeptionell auszugestalten und ihre Wirksamkeit in der Praxis zu untersuchen sowie ihre Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit von Flex-Geschäftsmodelle zu bewerten. Die Ergebnisse sollen unmittelbar in die laufende regulatorische Debatte zur Ausgestaltung dynamischer Netzentgelte einfließen und zur Frage ihrer Skalierbarkeit über dieses Pilotprojekt hinaus beitragen.

Motivation

Mit dem wachsenden Strombedarf infolge der Elektrifizierung und Einspeisung kleiner PV-Anlagen geraten die Verteilnetze zunehmend unter Druck. Statische Netzentgelte bilden dabei weder zeitliche noch räumliche Knappheitssignale im Netz ab.

Mit § 14a EnWG wurde ein erster Schritt in Richtung zeitvariabler Netzentgelte getan. Im Rahmen von Modul 3 müssen Verteilnetzbetreiber für steuerbare Verbrauchseinrichtungen zeitvariable Netzentgelte (Modul 3) anbieten. Diese basieren jedoch auf festen, lange im Voraus festgelegten Zeitfenstern, die die tatsächliche Netzsituation nur näherungsweise abbilden können [2]. Weitreichende Anpassungen der Netzentgeltsystematik werden derzeit im Rahmen des AgNes-Prozesses der Bundesnetzagentur entwickelt [3]. Auch dort sind dynamische Netzentgelte ein Thema, jedoch zunächst nur für Großbatteriespeicher auf höheren Spanungsebenen.

Die dynamischen Netzentgelte gehen dabei weiter als die bisher bekannten zeitvariablen Netzentgelte aus Modul 3 § 14a EnWG. Sie leiten das Preissignal aus der prognostizierten Netzauslastung ab und lassen sich day-ahead oder kurzfristiger setzen. Damit bilden sie die Grenzkosten des Stromtransports ab: In engpassfreien Zeiten liegen diese nahe Null, für den Bezug steigen sie an, wenn etwa in der Region gerade eine Importbeschränkung besteht. So internalisieren dynamische Netzentgelte die Kosten von Netzengpässen und liefern lokale Signale für Einspeisung und Verbrauch. Entscheidend ist, dass die Kombination aus Markt- und Netzsignal einen annähernd optimalen Anreiz für flexiblen Verbrauch setzt und so die Kosten des Gesamtsystems senkt. Genau diese Überlagerung von Markt- und Netzsignal steht im Zentrum des Pilots.

Der erhoffte Nutzen ist konkret: Richten sich flexible Lasten wie Wärmepumpen, Wallboxen und Heimspeicher an der aktuellen Netzauslastung aus, sinkt kurzfristig der Bedarf an Engpassmanagement, da erneuerbarer Strom lokal genutzt wird. Langfristig könnte Netzausbaubedarf reduziert werden.

Zielsetzung

Im Mittelpunkt dieses Pilotprojekts steht die Frage, ob dynamische Netzentgelte das Flexibilitätspotenzial von Haushalten und Prosumern wirksam mobilisieren können, um Netzengpässe zu reduzieren. Darüber hinaus untersucht das Projekt, unter welchen Bedingungen eine skalierbare Umsetzung über den Pilotrahmen hinaus mit der iMSys-Infrastruktur realisierbar ist. Zur Beantwortung dieser Fragen verfolgt das Pilotprojekt drei miteinander verbundene Ziele:

  1. Empirische Analyse realer Lastverschiebungsreaktionen auf bestehende dynamische Preissignale sowie Entwicklung und Kalibrierung einer Berechnungssystematik, die Netzauslastungsprognosen in konkrete dynamische Preissignale übersetzt.
  2. Konzeption und Durchführung eines Feldversuchs in einem realen Niederspannungsnetz, bei dem die entwickelten Tarifsignale über die iMSys-Infrastruktur an echte Haushalte übermittelt werden, sowie anschließende Auswertung der beobachteten Verhaltens- und Netzwirkungen. Zudem werden die Signale dynamischer Netzentgelte simulativ in Zusammenarbeit mit Aggregatoren in großem Umfang getestet.
  3. Analyse der Auswirkungen dieser Signale auf das Verbrauchsverhalten, die Netzauslastung sowie die Wirtschaftlichkeit bestehender und neuer Flex-Geschäftsmodelle auf Basis der gewonnenen Ergebnisse.

Letzteres stellt eine zentrale Untersuchungsdimension dar, um zu bewerten, wo Zielkonflikte zwischen markt- und netzseitigen Preissignalen entstehen können und welche Akteure je nach Tarifausgestaltung Vor- oder Nachteile erfahren. Durch die strukturierte Einbindung von Praxispartnern und relevanten Stakeholdern zielt das Projekt darauf ab, Ergebnisse zu erarbeiten, die unmittelbar in die laufende regulatorische Debatte einfließen können, und leistet damit zugleich einen Beitrag zum übergeordneten SET Hub-Zielbild der dena, ein innovatives Start-up-Ökosystem im Energiesektor zu fördern [4].

Projektstruktur und FfE-Beitrag

Das Projekt gliedert sich in sieben Leistungspakete (LP) mit einer Projektlaufzeit von 2026 bis 2027. Neon leitet das Konsortium im Auftrag der dena.

Die FfE leitet die Umsetzung des Feldversuchs und führt Netzmodellierungsarbeiten durch. Darüber hinaus leistet die FfE substanzielle Beiträge über alle inhaltlichen Leistungspakete hinweg. Ihre Verantwortungsbereiche gliedern sich in drei Kernbereiche:

  1. Verteilnetzsimulation und Netzauslastungsprognose – Mithilfe ihres Simulationsmodells GridSim modelliert die FfE Lastflüsse und Engpassmuster im Niederspannungsnetz. In Kombination mit dem Haushaltsoptimierungswerkzeug eFlame werden Lastverschiebungseffekte unter verschiedenen Tarifarrangements quantifiziert. Damit werden Szenarioanalysen zur Erstellung und Bewertung der Wirkung und Übertragbarkeit der Berechnungsmethodik ermöglicht.
  2. Konzeption, Umsetzung und Auswertung des Feldversuchs – Die FfE verantwortet Konzeption und Durchführung des Feldversuchs mit bis zu 20 Haushalten in einem realen Niederspannungsnetz. Mithilfe der Use-Case-Methodik [5] erfolgt die Erarbeitung der technischen Umsetzungskette mit den Praxispartnern. Daneben koordiniert sie die Probandenakquise und das technische Onboarding und die Auswertung erhobener Messwerte.
  3. Umsetzung mit der iMSys-Infrastruktur – Die FfE bewertet die praktische Umsetzbarkeit von dynamischen Netzentgelten über die iMSys-Prozesskette. Für die Bewertung einer skalierbaren Umsetzung werden auch Alternativen diskutiert.

 

Projektpartner

Das SET Hub Pilotprojekt „Dynamische Netzentgelte“ der dena vereint ein Konsortium aus Neon, der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) und der UnternehmerTUM, unterstützt von 21 Praxispartnern aus der Industrie, aufgeteilt in drei verschiedene Rollen:

  • Umsetzungspartner für den Feldtest – Enervie, Power Plus Communication (PPC), Solar Manager
  • Aggregatoren und Anbieter dynamischer Stromtarife – Consolinno, Elli (VW), EnBW, flexa, gridX, naturstrom, Octopus Energy, Powernaut, Rabot Charge, Solar Manager, The Mobility House
  • Verteilnetzbetreiber und Übertragungsnetzbetreiber – Enercity, Enervie, LEW Verteilnetz, SWM, Westnetz, TenneT, TransnetBW

Förderung

Der Pilot ist Teil des SET Hub der dena, gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Die Ergebnisse fließen in den regulatorischen Diskurs zur künftigen Netzentgeltsystematik ein.

Literatur

[1] dena (2026): SET Hub – Kostenlose Unterstützung für Energiewende-Start-ups, https://www.dena.de/projekte/set-hub/ (abgerufen am 03.08.2026)

[2] FfE (2024): Variable Netzentgelte als Option für steuerbare Verbrauchseinrichtungen nach §14a, https://www.ffe.de/veroeffentlichungen/variable-netzentgelte-als-option-fuer-steuerbare-verbrauchseinrichtungen-nach-%C2%A714a/ (abgerufen am 03.08.2026)

[3] Bundesnetzagentur (2026): Festlegungsverfahren AgNeS – Allgemeine Netzentgeltsystematik Strom, https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Beschlusskammern/GBK/Ebene1_Rahmen/AgNes/start.html (abgerufen am 27.07.2026)

[4] dena (2026): SET Hub – Kostenlose Unterstützung für Energiewende-Start-ups, https://www.dena.de/projekte/set-hub/ (abgerufen am 03.08.2026)

[5] FfE (2023): Beitragsreihe Use-Case- und Geschäftsmodellentwicklung an der FfE: Die Use-Case-Methodik, https://www.ffe.de/veroeffentlichungen/beitragsreihe-use-case-und-geschaeftsmodellentwicklung-an-der-ffe-die-use-case-methodik/ (abgerufen am 30.07.2026)